gehör…

 

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gehören die saturnringe zu deutschland? galileo galilei? sonne, mond und bambulé? der terror gegen verweilende augenblicke, das humane hinrichtungsgerät, die geschlossenen fensterläden mit sex dahinter, retrovirale gottesbeweise, die übermütig hexen verfolgende inquisition, der kindesmissbrauch, der hinterhofkater, der einakter, die scharfen markenklamotten, die ibuprofennächte, die deprinächte, die politik und die moral, die sich scharenden füße, die braunen bataillone und die desinfektion?

gehören die gender fails früh gealterter yankees zu deutschland? die ewig-gestrigen federhüte, die kleine große korruption, die rauchige late-night-stimme, der abyss der straßenmusikanten, der kurdische frühling, ludwig feuerbach, der sturm und drang, die pornoindustrie, die katholische kirche, das arkadische frühlingsgefühl, das abseitige problembewusstsein, der gute gott von manhattan, der vierte sonntag im märz?

gehören gott, die welt und tinder zu deutschland? die plastikdrift im ozean, die côte d’azur, die restaurants auf mallorca, die bloody mary? gehört das erkennen größerer zusammenhänge zu deutschland? gehört die herzverzehrende art, liebe zu machen, zu deutschland? die (un)befleckte empfängnis? die beautyfarm in lalaland? das vollgeseiberte taschentuch? der zusammenfluss aller vereinigten säfte, das ockerfarbene putztuch, das verbogene phonem, die sprach- und stimmerziehung, die leicht auszutricksende sprache, der gespreizte kerl, der apfel des paris?

(…)

was gehört zu …

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gehören der wellenschlagende top deal, das löwenstüberl und seine wappengezierten humpen, die katalonische freiheit, das trompetensolo, der pfarrverband laim zu deutschland? der spaßgesellschafter und sein lagerdenken, der kredithai am ende der fußgängerzone? die confiserie am eck, das verregnete bajuwarische herz? kumarintrunkene walpurgisnächte, der freejazz, der andalusische hund? ein flüchtig hingekritzeltes ACAB, die kaltgevaterte leistungsgesellschaft, die vernichtungslager?

gehören mark zuckerberg und seine gewinnerzielungsabsicht zu deutschland? der superwerbeblocker für youtube, das frühmorgens taubenetzte auf und ab des lebens, deine gesperrte debit card, deine vorzugsforsythien, das mikroplastik in der ostsee, der fröbelplatz, die winterlichen weiden, der abendliche juckreiz, dein BBQ-smokergrill?

gehört die kleine große koalition zu deutschland? die sommerhornissen in den stripteasebars von st. pauli, die fortsetzung des schlechten geschmacks mit anderen mitteln, die traumafachberatung, donald trumps leuteschinderfrisur, die um deine gesundheit feilschenden noxen, das gastmahl des trimalchio, der ausgekochte humanismus, die lichtdome, die kalkweißen statuen in der glyptothek, die zerbrochenen krüge, das gebrauchtwarenhaus, der nollendorfplatz, das dystopische hawaiihemd? schillers vorhaut? emilia galottis tugend? platons puttenbäckige knaben?

gehört der wolkige tag zu deutschland? die orthogonale hoffnung an dienstagen, der jetstream, der dichter und sein denker, die andächtigen hofschranzen und ihr hass gegen andere hautfarben, gegen die oldschool schmetterlingsflechte, gegen die zeitumstellung?

gehört der blindwütige chor der ehrenretter, das rotzschnaubende ressentiment monokeltragender rechtsabbieger, die wichtigtuerischen windbeutel der gerechtigkeit, zu deutschland? die angeblich verletzten hauptprinzipien, das kanzleideutsch junger elstern, das nächtliche gekläff verfeindeter hunde fast außer hörweite?

(…)

was gehört zu deutschland außer karl-otto goethe?

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gehören die wie synthetische pilze aus dem boden schießenden startups der new economy zu deutschland? der amtsschimmlige kurfürstendamm, das mauvefarbene einstecktuch, die paislygemusterte krawatte? die krawatte an sich, das dickicht angegrauter hashtags, der sofort-bargeld-shop, das dezimalsystem oder das schiefe schild an der einfahrt in den car super wash? die ungelesenen türen?

gehört der strohsterngeschmückte weihnachtsbaum zur christlich-jüdischen tradition? der buchstabe Y, der anakoluth? deine nachbearbeiteten fotos von der türkischen riviera, von der elbphilharmonie im nieselregen, vom taj mahal? die abendfüllenden zwiegesprächsrunden auf al jazeera, die handelskrieger, das streiflicht am himmel, das datenleck, der liebende gott jahwe?

gehören die einszweidrei ersteigerten schokobraunen tassen, die chlorlösung im strudelbecken des westbads, die s-bahn-graffiti, das fastfoodlokal, der lieferservice, zu deutschland?

die chemischen waffen, die vollautomatischen waffen, die musealen waffen, die waffen der frau, die osterweiterung der EU, die italienische riviera, das überbelichtete foto aus deiner badehosenkindheit, das importierte spielzeug aus china, das karbidlampenlicht der trollfabriken, der vermummte wortklüngelnde AfD-bot, die musikerfüllte luft beim megaevent, der straßenfeger, der unterirdische nährstoffaustausch, das opium fürs volk?

(…)

das Papier macht viel Lärm.

krachend dadadam marschieren Blaskapellen
hindurch, schwarzweiß betresst.

mit Balkencodes sorgt das Papier für Ohordnung
(es hält sich für unschuldig),

verlegt Repetiergewehre.

 

durchs Papier geht ein Bruch
(sagt man das so auf Deutsch?),

ein Freudenausbruch, ein Schuss, Schösslinge wachsen im Takt.

„auf einem Auge taub, biete ich Raum für Schnee.“

davon sprach das Papier, aber an anderem Ort.

 

jenes Papier, in das sie später Blutwurst schlugen
(Mittelrauwert 25).

jenes Papier, das brannte, von der Spucke der Bäume.

„wo wir in Reserve liegen, nehme ich Abschied von Euch, geliebte Papp-

Kameraden“. jetzt schwelgt das Papier.

 

(Errata letzte Zeile: „schweigt“ statt „schwelgt“)

 

(Karin Fellner)

Epilog für eine Katze III

Noch einmal Leben jagen mit Sprüngen, die nie ganz
domestiziert, jeder Muskel vollendete Autonomie und Lust
und Spiel, mein Daimon, du Jägerin, in den Ohrenspitzen noch
den Gesang der Vögel im Morgengrauen. Wach bleiben, wach
beim Krächzen der Krähen, wach gegen den untergehenden
Dunkelmond, und du weißt, was folgt. Noch einmal verweilen
an jedem Ort, noch einmal die Chronik deines Lebens, inniger
Abschied, Berührungen, Stimmen und Bilder. Wie klingt
der Sternenstaub? Wach bleiben gegen die Durchgehbarkeit,
die Nadel im Bauch, wach gegen die aufsteigende Lähmung.
Leben saugen. Leben saugen. Die Ohren steif bis ins letzte
Haar. Aufstehen gegen den letzten Käfig, der dir den Atem
nimmt, deinen Herzschlag, nach Luft schnappen zuletzt.
Aufstehen. Die Krähen.

ein-aus-fädeln

im Musterkoffer, Chenille, sitzt Ich unter andern und lernt, sich zu stauchen, zu dehnen, wechselwirkt mit Kapseln, franst aus, gerät zwischen Scheren, wird versäubert, fragt: was, was hab ich vergessen?

zuvor war was gefallen, hoch aus stofflosem Grund, ballte, stülpte nach außen, schied oben von unten und verdickte, auf Spannung gehalten, faltete sich in Zeit, ward Ich, zum Durchschlag bereit.

rasch wird Ich abgespult durchs elektrifizierte Gehäuse, ist Stückware jetzt, perforiert von Schnäbeln, sie singen Verbindung, verwickeln aber die Sinne, Ich entsinnt sich nicht, wohin Rückfäden gingen.

fleckig ist Ich geworden, will Regulatoren entrinnen, flieht in Rüschen, Gebinde des Wendens, von Heißmangel flach, wird Ich gefragt, ob es Kokon werden wolle oder doch Knopflochraupe.

rückwärts ist keine Mitte, wenn Stoffe fallen, heben mehrfach inverse Säume sich auf, Ich, ungewirkt, wirkungslos, lose, springt aus dem Koffer, dem Kopf, entnimmt sich, begeht Verz-t.

 

(Karin Fellner)