Taufliege, du Modell-

 

Taufliege, du Modell-
Organismus im Glas!

Durchgriffig wirst du wie Organigramme, wirst
wachsen (*grō-a-) im Kopf der Reporter, voll
mystischem Hunger auf
die süße Furcht, ihren Saft.

Du Rauch von starcken Winden
kommst über Institute,
bildest Mosaike auf ihren Schädeln und
Intersexe, komplex-

äugig, überfällig,
sancta Drosophila.

 

(Karin Fellner)

Bar Rendez-Vous, Massari, Rhodos, Griechenland, 13.05.2016

Orangenbäume sind hier andere Spielarten des Berufsverkehrs als negatives Branding, hier wohnt man nahe der Fleischtöpfe noch im Einraumhaus wird zwischenbilanziert: gut erholt vom Frühwerk sitzen wir träge seit Lessing zwischen den Dorfältesten und den fitnessgecenterten Jungstars wächst etwas Gras.

Auf Zähnen und Zungen schreiben sie hier andere Zeichen und Wunder als in Sirtakitown und der mit der Zeitung at the gates of dawn weiß, wie rum die Supermärkte flugs nachwachsen.

Eine gesunde Entwicklung wäre es, beim Wort „Mittelmeer“ Salz auf alle Wunden zu spüren, wenn die Fluchtbewegungen nur Kurztrips erlauben und die Einheimischen ihr Land an die Granden der EU verlächeln qua Scherbengericht sind wir alle Fremdkörper im eigenen Fleisch.

Die Grenzen der EU verlaufen quer durch Schlepperland, die Spatzen pfeifen es aus allen Ländern: Inflation, Staatsverschuldung und andere weltweite Heuschrecken, die schwarze Flecken ansetzen, verteilen sich ungleichmäßig zu einem Rendezvous im Plastiksackerl, nur Gurken und Zwiebeln werden genormt und gewormt aus allen EU-Löchern morpht uns ein implizit morsches System Sonne in den Backofen.

Ich nütze die Zeit in der Seifenblase, um ein wenig pinker die Gläser der Brille und herzförmig alles verkauft für den Weg zu mehr Popularität.

Wer jetzt keinen Sonnenschirm hat, kehrt heim ins pauschale Perpendikel und trottet weiter in seinem Befindlichkeitsgeschwurbel unter der vergessenen Mütze.

Wer jetzt keinen Kaffee mehr hat, zahlt die Zeche in seinem endlichen Geschichtsbewusstsein, wo er hochnaiv und zahnlos sich ziert.

An genau dieser Kreuzung tappen wir in die Diskursfalle, fangen uns dabei ein Haifischmaul und globalen Denkschnupfen ein: Let it bleed!

(2fell)

 

ǂ

unser Schauplatz: streifig, wüst, hyperaktiv
nebeneinander gedrückt und wider die Flächenspannung
Blasen, motus aquatus, sich über-, umschlagend

zugunsten welcher warf die oder der das Los
in Schaum, multi sermones, scharfrot und welche Akzente
liegen zwischen dem Über- und dem Entsetzen?

des Plurals helles Gelände
Arme voll kleiner Federn
o flumine navigo ǂ

(Karin Fellner)

Ediths Liebe

Es war einer dieser Abende, die Bäume noch kahl, doch die Krokusse blühten bereits weiß und rosa am Straßenrand, ein Abend, der lockte, ein blauer Abend, sagte Marius immer. Edith überlegte, ob sie zu Fuß gehen sollte, doch dann entschied sie sich, auf das Taxi zu warten. Das Taxi gehörte dazu. Sie lächelte und öffnete ihren Mantel mit dem Leopardenmuster. Es war eigentlich zu warm dafür, aber Marius mochte diesen Mantel, an ihm wird er sie schon von Weitem erkennen.

Das Taxi hielt, und Albrecht grüßte sie und öffnete die hintere Tür.

Zu Ihrer Verabredung?”

Sie nickte, umklammerte ihre Handtasche auf dem Schoß, und er ließ den Motor an und fuhr sie in die Innenstadt, schweigend, wie immer.

Vor der Bar parkten die ersten Wagen auf dem Gehweg. Hierher kam man nicht mit dem Bus oder der U-Bahn. Diese Bar war kein Café, in das man sich wie in einem Wohnzimmer verkriechen konnte, um bei einer Tasse Kaffee seinen Gedanken nachzuhängen. Sie war ein öffentlicher Raum, eine Bühne, auf der man sich präsentierte. Doch Marius meinte, er werde sie an einen besonderen Ort ausführen, für die wenige Zeit, die wir miteinander haben, Edith. Und schließlich und endlich würde sie hier niemand entdecken.

Albrecht hielt in der zweiten Reihe und half Edith beim Aussteigen.

Soll ich Sie wieder abholen?”

Um zwölf.”

In der Bar standen junge Frauen mit tiefem Ausschnitt und Männer im zwanglosen Jacket dicht gedrängt um die Theke. Aber Ediths kleiner Tisch hinter der Säule am Fenster war frei. Marius hatte ihn ausgesucht.

Schau, Edith, ein Separé für uns, und er lachte und wischte ihre Bedenken, jemand könne sie durchs Fenster sehen, fort. Wer sollte hier schon vorbeikommen?

Edith legte ihren Mantel über den Stuhl. Marius würde ihn dort sofort bemerken. Dann nahm sie ihre Handtasche und ging auf die Toilette. Tiefrot zeichnete sie ihre Lippen nach. Ältere Frauen sollten nicht auch noch betonen, dass ihre Lippen dünn und runzlig sind, hatte Ediths Tochter am Vortag gesagt, das wirke vulgär. Aber Marius hatte diesen Lippenstift donnerstags von Ediths Mund geküsst, warum also sollte sie die Farbe ändern? Ob sie sich mit einem Mann treffe, wollte ihre Tochter dann wissen. Diese Frage, die Edith erstarren ließ, obwohl es dafür keinen Anlass mehr gab. Wolf war tot. Trotzdem verleugnete sie Marius. Die Angst vor Entdeckung war nicht mit Wolf gestorben.

Marius wird es verstehen, dachte Edith, wenn ich es ihm genau so erkläre, wird er es verstehen. Dann schob sie ihren Lippenstift zurück in die Handtasche und ging zu ihrem Platz hinter der Säule.

Der Kellner streifte kurz ihren Blick, dennoch ließ er sich Zeit damit, an ihren Tisch zu kommen. Sie kannte ihn, er war jeden Donnerstag hier. Er war einer dieser Jungs, deren Gesichter noch keine Kratzer abbekommen haben. Er könnte ihr Sohn sein, wenn sie denn einen hätte.

Sie bestellte Cognac. Sie bestellte immer Cognac, doch diesem Jungen fiel es nicht ein, sich daran zu erinnern, sein Gesicht blieb unverbindlich und ohne ein Zeichen des Wiedererkennens.

Während sie auf den Cognac wartete, zog sie ihren Mantel wieder an. Marius sollte sie auf den ersten Blick in diesem Trubel von Menschen sehen. Der Mantel mit dem Leopardenmuster war sein Geschenk, für Paris, Edith, ich möchte mit dir Urlaub machen, nur ein paar Tage, eine Woche, egal, lass uns nach Paris fahren.

Doch Edith hatte bereits all ihre Finessen aufgebraucht, um Wolfs Misstrauen wegen des Mantels zu zerstreuen. Für Paris hatte es nicht mehr gereicht. Vielleicht war sie auch einfach keine Frau für zwei Männer.

Aber das ist ja nun anders, dachte sie, erstaunt, dass sie es erst jetzt feststellte. Und sie nahm sich vor, Marius gleich hier und heute darum zu bitten, mit ihr nach Paris zu fahren. Und nicht nur für ein paar Tage.

Der Junge mit dem faltenlosen Gesicht brachte den Cognac, dann blieb er an ihrem Tisch stehen und sagte: “Vielleicht möchten Sie sich an die Theke setzen?”

Was sollte sie an der Theke? „Danke, nein.”

Ich muss Sie aber darum bitten.”

Ich wüsste nicht, warum ich mich an eine Theke setzen sollte.”

Es tut mir leid. Aber Sie können nicht alleine einen Tisch besetzen, wenn die Bar voll ist.”

Edith blickte an der Säule vorbei, wo sich Leute in Gruppen drängelten, tranken und lachten.

Junger Mann,” sagte sie. “Ich setze mich an keine Theke. Und ich bin nicht alleine. Ich bin verabredet.”

Die Mundwinkel des Jungen zuckten, doch seine Stimme war dieselbe, die Bestellungen aufnahm, als er sagte: “Ich weiß, dass Sie verabredet sind. Nur ist Ihr Begleiter noch nie gekommen.”

Der Rest seiner Worte ging im schrillen Gelächter einer Gruppe junger Frauen unter. Edith nahm ihre Handtasche. Sie durchquerte die Bar, ohne jemanden anzusehen. Draußen dachte sie kurz daran, Albrecht zu benachrichtigen. Sie ließ es bleiben. Es war Frühling, und in ihrem Mantel fror sie nicht.