was gehört zu deutschland außer karl-otto goethe?

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gehören die wie synthetische pilze aus dem boden schießenden startups der new economy zu deutschland? der amtsschimmlige kurfürstendamm, das mauvefarbene einstecktuch, die paislygemusterte krawatte? die krawatte an sich, das dickicht angegrauter hashtags, der sofort-bargeld-shop, das dezimalsystem oder das schiefe schild an der einfahrt in den car super wash? die ungelesenen türen?

gehört der strohsterngeschmückte weihnachtsbaum zur christlich-jüdischen tradition? der buchstabe Y, der anakoluth? deine nachbearbeiteten fotos von der türkischen riviera, von der elbphilharmonie im nieselregen, vom taj mahal? die abendfüllenden zwiegesprächsrunden auf al jazeera, die handelskrieger, das streiflicht am himmel, das datenleck, der liebende gott jahwe?

gehören die einszweidrei ersteigerten schokobraunen tassen, die chlorlösung im strudelbecken des westbads, die s-bahn-graffiti, das fastfoodlokal, der lieferservice, zu deutschland?

die chemischen waffen, die vollautomatischen waffen, die musealen waffen, die waffen der frau, die osterweiterung der EU, die italienische riviera, das überbelichtete foto aus deiner badehosenkindheit, das importierte spielzeug aus china, das karbidlampenlicht der trollfabriken, der vermummte wortklüngelnde AfD-bot, die musikerfüllte luft beim megaevent, der straßenfeger, der unterirdische nährstoffaustausch, das opium fürs volk?

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2fell – Eine Kooperation

vorgetragen als Bühnenstück am 28. Mai 2016 im Fraunhofer Theater München
und am 6. August 2016 in Grainau/Oberbayern

C&A: Voll in die Nostalgiefalle: Mein Herz ist ein Roadmovie ohne Abzweigungen.

C&A: Voll in die Nostalgiefalle: Mein Herz ist ein Roadmovie ohne Abzweigungen.

C&A: Voll in die Nostalgiefalle: Mein Herz ist ein Roadmovie ohne Abzweigungen.

C: 2 Fell A: 2fell C&A: 2fell!

C: Armin Steigenberger

A: Christel Steigenberger

C: 16.05.1999 Rom „Römische Skizze 1“
Ins verwaschene Rot am Piazza Navona
Musik Marmor und flirrendes Blau
– einen Taubenblick später –
Der Rosenverkäufer
ein Sonnenlächeln in Worte geflüstert
Gitarrenklänge setzen sich aufs Pflaster

A: 18.05.1999 Rom
Schreibmaschine kreuzt Corso über Chipsletten diagonal verschrägt Zebrastreifen schnell! Hupkonzert Taxi ampelt umgeschaltet zwei Treppen Sakkomenschen Jojo-umhüpft treppengeküsst Gas geben (con gas) einen Eissprung Obelisk entlang: vis-a-vis Vatikan San Pietro treibt es Tiberbrücken hinauf rollerbladend auf die Ramp, Spitze! wassersprudelnd rechts daneben wohin? woher? Antike futurismo aufgesäult kaffeeschlürfend empor Augenblick von Trájan maritim Carabinieri bergab. Ruinen
autostrada beschleunigen Pina Coladas päpstelnd endlogisch Pizzeria. Kommando Repubblica eventuell bombt assassino Stop!

(…)

weiter hier –>
http://www.signaturen-magazin.de/christel—armin-steigenberger–2fell.html

zu tengelmanns zeiten

wurde in USA ein neuer dissident
gewählt. ich habe nun bei suicide books
ein neues buch draußen. mein neues kleid
hat verwerfungen. aktiv denken fällt so
manchem total schwer. wir sind
aus fleisch und blut, mein budenzauber
hält uns, wir schweigen aus allen mündern.
alpenmilch ist haltbar und gesund.

(2009)

Rose Main Reading Room, Public Library, New York City, 25.10.2016

In diesen Räumen ist es hölzern aber sympathisch, man kann sich aufwärmen und so tun als könnte man den ganzen Tag herumstrolchen, sich einen Bibliotheksausweis besorgen ohne Flashlight dichten, dichten in der Public Library sitzen wir alle an einem Tisch, jeder nur einen bequemen leise und hell.

Hell und leise am Vormittag überraschend Lyrik vom fortgesetzten Glück ein Abglanz früherer Glückszustände und demokratische Träume in 3 Minuten Bildung für wirklich jeden pausbäckigen Wolkentags-Büchernarr im Katalog der wohlklimatisierten Seelen.

Hier ist Amerika nur ein Theseus-Schiff, ein lesenswerter Comic, ein knittriger Papierfinger angesichts der wolkigen Restbestände droben im blauen Archiv.

Free and open access auf jede Playlist seit 1911 mit superschnellen Augenbällen in den Periodika blättern nach postapokalyptischen Hadesnews ab in den Kartenraum, hier gibt es nur Bildungsfrüchtchen und kandierte Buchstaben on the rocks.

Oder aber auch geheime Wortfreuden aus Shakespeares Zehenzwischenraum tönt etwas Blankvers aus älteren Jahren nypl.org und ein Hauch von Geduld und Tapferkeit, die beiden feuergefährlichsten Löwen der Tugendhaftigkeit warten schon länger auf die happy hour.

Du bist hier available für kleine lächelnde Teufel aller Art zu haben, doch nicht jederzeit!

Alle Lüster froh am Brennen als way of life: niemand ist ein Niemand!

(2fell)

Bar Rendez-Vous, Massari, Rhodos, Griechenland, 13.05.2016

Orangenbäume sind hier andere Spielarten des Berufsverkehrs als negatives Branding, hier wohnt man nahe der Fleischtöpfe noch im Einraumhaus wird zwischenbilanziert: gut erholt vom Frühwerk sitzen wir träge seit Lessing zwischen den Dorfältesten und den fitnessgecenterten Jungstars wächst etwas Gras.

Auf Zähnen und Zungen schreiben sie hier andere Zeichen und Wunder als in Sirtakitown und der mit der Zeitung at the gates of dawn weiß, wie rum die Supermärkte flugs nachwachsen.

Eine gesunde Entwicklung wäre es, beim Wort „Mittelmeer“ Salz auf alle Wunden zu spüren, wenn die Fluchtbewegungen nur Kurztrips erlauben und die Einheimischen ihr Land an die Granden der EU verlächeln qua Scherbengericht sind wir alle Fremdkörper im eigenen Fleisch.

Die Grenzen der EU verlaufen quer durch Schlepperland, die Spatzen pfeifen es aus allen Ländern: Inflation, Staatsverschuldung und andere weltweite Heuschrecken, die schwarze Flecken ansetzen, verteilen sich ungleichmäßig zu einem Rendezvous im Plastiksackerl, nur Gurken und Zwiebeln werden genormt und gewormt aus allen EU-Löchern morpht uns ein implizit morsches System Sonne in den Backofen.

Ich nütze die Zeit in der Seifenblase, um ein wenig pinker die Gläser der Brille und herzförmig alles verkauft für den Weg zu mehr Popularität.

Wer jetzt keinen Sonnenschirm hat, kehrt heim ins pauschale Perpendikel und trottet weiter in seinem Befindlichkeitsgeschwurbel unter der vergessenen Mütze.

Wer jetzt keinen Kaffee mehr hat, zahlt die Zeche in seinem endlichen Geschichtsbewusstsein, wo er hochnaiv und zahnlos sich ziert.

An genau dieser Kreuzung tappen wir in die Diskursfalle, fangen uns dabei ein Haifischmaul und globalen Denkschnupfen ein: Let it bleed!

(2fell)

 

Flor

Die Vision einer noch nicht so ganz toten Geisterstadt / wo ich als Arbeitsloser vielleicht

auf immer zur Ruhe finden könnte / wie in einem dieser Feel-Good-Movies aus Detroit

oder Frankfurt/Oder würde mir ja schon / genügen nach all den Zeiten als Astronauten-

makler / denn ich habe seitdem so unendlich zu tun gehabt mit dem Spaten in der Hand

& nur mit Mühe habe ich euch ja eure grauen Blumenberge durchstochen / Ich grub da

so viele todkranke nasse malade Mülltypen aus / Fuck-Ach, wie die da weinten / so an-

gestrengt in meinem Händen // Es war alles in einem / dieser irren Austauschjahre / & ich

beabsichtigte ja beinahe alles / im Mariannengraben zu ertränken / in der Nähe des Flaschengolds im

Papierkorb / hab ich sie im Stich lassen müssen // Es blieb mir nichts / anderes übrig als

die damals kränkelnde Zeit wo ich im letzten stillen sommernden Marienforst jene Birke

mit der Sektionsnummer neun vergaß die an der dritten Mittagsszene wuchs / gerade wo

ich dabei war / an ein paar kümmerlichen Felsen des Frühlings // ihn so weit wie es geht

zurück zu treiben meinen alten dicken Wal / ihn wegzudenken in seine egozentrische See.

(Dominik Dombrowski)