Traumprotuberanzen

Traumprotuberanzen. Apokalyptische, d.h. menschliche Flieger. Der Blick von der Plattform aufs weite Tal mit Seestadt, die Offizierin, die in Halbsätzen den gezielten Nuklearschlag ankündigt. Mein Traum-Ich nimmt‘s nicht zu schwer, zurück laufen wir, „den Rucksack schnüren“. Scheinbar weiß sonst keiner, was uns bevorsteht, nur eine Frau mit Säugling tritt das Gaspedal durch. Fluchtzüge, Uniformen. Tunnel, die zu durchqueren sind, voll zombiehafter Köpfe. Wir sitzen in der Bahn, sehen uns an: du bist schön, von Wesen zu Wesen. Alle Wesen sind schön, sage ich schon im Wissen unserer Auslöschung.

Nach dem Erwachen wiederholen sich mir die Szenen. Mit Wucht schießt Angst ein: der Teil meines Hirns, der tagsüber gefasst sein will auf den Tod, ist offenbar inaktiv. Und es ist so wahrscheinlich, dass uns ein an allen Enden einstürzendes System noch vor dem Tod erdrückt. Tatsächlich ist der geschützte Bereich unseres Lebens doch eher Ausnahmezustand, während die der Menschheit eignende Normalität das Schlachten und Schänden ist, ein elendes Verenden.

 

(Karin Fellner)

 

Wünderschon, wünderschon

 

Betrete den Pommesdom, siehst du die grüne Helix,

hörst du die Synkopen der Ameisen in den Fugen?

 

Generationen von Kabeln, Rispen und Leitbahnen

bäumen in die Blendung, ohne sich zu empören.

 

Wie heißt das: fiederspaltig?

Nämlich mit den Meisen psizi-sirrrr tjerr-err-err!

 

(Karin Fellner)

Nerven-Frenetik

 

gehen Drähte rauf

durchs Körpergelee zum Cortex

und spielen mit der Masse

Maronenmasse des Hirns

 

schalten das Schädel-Möbel

in fließenden, stockenden Strom

so shit’n’shimmer

war das

die Sinnes-, die Sinnproduktion?

 

von Unbekanntem gezupft

Fibern, Finkenstrich, die

alte Sinfonie:

Leimruten, Uah-Dur

Ohne Gewicht

 

Der Wind stand auf in den Falten

der Nacht, im Gallenraum,

und suchte Allmählichkeit,

verneigte und breitete sich

aus im Skalp der Poetin.

 

Sie hing wie an Hagelschnüren,

ging über und in sein Lodern,

in Sprengbrunnen aller Art,

in rote Streuung und sah:

Wasser kann man nicht löschen.

 

Furcht und Aberwunsch

als Wogen zu nehmen auf

einem Ozean,

ihnen gewogen zu sein,

 

so kehrte der Wind sie um,

ins helle ferne Erinnern,

 

wie es ginge, auch ohne

Kosmonautenanzug

in der Leere zu sein

 

(aus: Karin Fellner: „Ohne Kosmonautenanzug“, ganz frisch erschienen! in der parasitenpresse, Köln 2015)

 

Finger blitzen, flitzende Teile, Monitore und Monde, es röhrt –

Öltropfen, lose Köpfe im Haar, und lacht, und stockt in der Bucht, der Brust –

sag: künftig, grün, Paradiese, dies ist ein Rot und tritt über, überrasch –

auf welligem Grund, plastisches Woooom! Lehm und Kanister im Sucher, so –

vorläufig, körnig, in Fasern gesandt: Schlager, Blech in der Halsgegend und –

ein Schlag, Kaskaden, Schwärme, lag –

und säumen nicht, Salz oder Salz oder Satz –

Fehlen, steckt, Befehle, jetzt –

treibt, sprintet, brüllt –

sü-hüße und –

Abzug, Clip, teebitter, da war –

Teer, sag: heroisch, gestochen–

gar –

 

 

(Karin Fellner)

MorgenMixStern

 

Die Zofe kniet vor ihr

 

spricht mit unerschrockner Zärte

sich mit keinem zu verqueren

von einem Stiefmilchbruder

von Gottes Allmacht

 

Dreiundzwanzig Kilometer

aus Versehen

nichts vielleicht erklärlich

unter den dunklen Erlen

 

doch eines Tages – oh!

Zahl ist ohne Zahl

und hielt all Obiges für Spaß

 

NS:  „Wir aber verstehen es nicht“ (ein früher Rezensent)

((nihil sub sole novum))

Arbeiterin A

 

mit einem Himmelsnagel

entert sie das Eis,

karg und reich ist es, weiß

von der Drehung der Teilchen,

von Wettern, früh geschliffen,

von haarigen Mammutachsen

 

wie eine Restauratorin

schwenkt sie die winzige Axt

in Verschollenes, sagt

eigentliches Wasser, arm, selig, Öl,

die schweren, altvorderen Vögel

aus der Struktur zu brechen

 

stößt sie auf Gitterfehler,

legt sie hier ihre Knochen

ab, um weißer zu werden.

 

(Karin Fellner)

eingefaltete Zeit

Schon bewölkt sich die Staffelei. Wer entscheidet dem Geist, was zu schreiben. Listen des Unbewussten, Klangkrusten und die Verehrung des manipulierenden Takts. Satellitenschüsseln, gehackte Speicher, Stroh. Vertraute Syntax. Haut. Das süßsaure Kauen drinnen. Im Unterwurf ein Verglühen. Sanitätswagen, Güte. Im Spiel bleiben, in der Verehrung, auch beim Spülen und Altern. Flechtenkreise an Mauern.

(Karin Fellner)

 

Aus der Arena

 

rennen mit dem Mond
rennen um den Mond
vom Mond gerannt werden
ins vertikale Morgen
geschossen werden, obwohl
jede Kamera läuft
im Laufen da sein, da
als Nüster oder Gras
(es geht um keinen Pokal)
rennen grün, zum Mond
sich Mond nennen oder voll
Maria werden, das
ist schönste Mathematik.

(Karin Fellner)

 

Klee, Flatterei

 

Auf der Verkehrsinsel selig

gesprochen: den Teer

den Tuff der Feinstaubgefäße

drei fein gezähnte Hände

 

und wenn der lange Atem

von Lastzügen sie verneigt

entlässt du ein letztes Insekt

aus deinen Lippen: O

 

Dioxidheilige

im Brausen zu rufen oder

als Wiedergängerin, rötlich

eine Prärie