Taufliege, du Modell-

 

Taufliege, du Modell-
Organismus im Glas!

Durchgriffig wirst du wie Organigramme, wirst
wachsen (*grō-a-) im Kopf der Reporter, voll
mystischem Hunger auf
die süße Furcht, ihren Saft.

Du Rauch von starcken Winden
kommst über Institute,
bildest Mosaike auf ihren Schädeln und
Intersexe, komplex-

äugig, überfällig,
sancta Drosophila.

 

(Karin Fellner)

ǂ

unser Schauplatz: streifig, wüst, hyperaktiv
nebeneinander gedrückt und wider die Flächenspannung
Blasen, motus aquatus, sich über-, umschlagend

zugunsten welcher warf die oder der das Los
in Schaum, multi sermones, scharfrot und welche Akzente
liegen zwischen dem Über- und dem Entsetzen?

des Plurals helles Gelände
Arme voll kleiner Federn
o flumine navigo ǂ

(Karin Fellner)

Und? Radikalst du dich jetzt?

 

Nö, ich zieh es mal vor, im Ridikül zu kramen

nach unzulänglichen Dingen,

Strümpfen zum Beispiel, an denen

Strandhafer klebt, und Fragen,

die einfach nicht enden, was

jemand auf Gleise warf,

Bild einer möglichen Zuflucht,

Höhlung, rieselnde Körper,

bleibt in der Frage, nichts

mehr von Terminalen!

 

mit offenen Pulsen steh

ich unter anderen. Dann

der Sinkflug, fast erlösend,

einer Leergut-Quittung

vor Fliesen, jemand fragt:

„was ist das, ist das – Gras?“

Traumprotuberanzen

Traumprotuberanzen. Apokalyptische, d.h. menschliche Flieger. Der Blick von der Plattform aufs weite Tal mit Seestadt, die Offizierin, die in Halbsätzen den gezielten Nuklearschlag ankündigt. Mein Traum-Ich nimmt‘s nicht zu schwer, zurück laufen wir, „den Rucksack schnüren“. Scheinbar weiß sonst keiner, was uns bevorsteht, nur eine Frau mit Säugling tritt das Gaspedal durch. Fluchtzüge, Uniformen. Tunnel, die zu durchqueren sind, voll zombiehafter Köpfe. Wir sitzen in der Bahn, sehen uns an: du bist schön, von Wesen zu Wesen. Alle Wesen sind schön, sage ich schon im Wissen unserer Auslöschung.

Nach dem Erwachen wiederholen sich mir die Szenen. Mit Wucht schießt Angst ein: der Teil meines Hirns, der tagsüber gefasst sein will auf den Tod, ist offenbar inaktiv. Und es ist so wahrscheinlich, dass uns ein an allen Enden einstürzendes System noch vor dem Tod erdrückt. Tatsächlich ist der geschützte Bereich unseres Lebens doch eher Ausnahmezustand, während die der Menschheit eignende Normalität das Schlachten und Schänden ist, ein elendes Verenden.

 

(Karin Fellner)

 

Wünderschon, wünderschon

 

Betrete den Pommesdom, siehst du die grüne Helix,

hörst du die Synkopen der Ameisen in den Fugen?

 

Generationen von Kabeln, Rispen und Leitbahnen

bäumen in die Blendung, ohne sich zu empören.

 

Wie heißt das: fiederspaltig?

Nämlich mit den Meisen psizi-sirrrr tjerr-err-err!

 

(Karin Fellner)

Nerven-Frenetik

 

gehen Drähte rauf

durchs Körpergelee zum Cortex

und spielen mit der Masse

Maronenmasse des Hirns

 

schalten das Schädel-Möbel

in fließenden, stockenden Strom

so shit’n’shimmer

war das

die Sinnes-, die Sinnproduktion?

 

von Unbekanntem gezupft

Fibern, Finkenstrich, die

alte Sinfonie:

Leimruten, Uah-Dur

Ohne Gewicht

 

Der Wind stand auf in den Falten

der Nacht, im Gallenraum,

und suchte Allmählichkeit,

verneigte und breitete sich

aus im Skalp der Poetin.

 

Sie hing wie an Hagelschnüren,

ging über und in sein Lodern,

in Sprengbrunnen aller Art,

in rote Streuung und sah:

Wasser kann man nicht löschen.

 

Furcht und Aberwunsch

als Wogen zu nehmen auf

einem Ozean,

ihnen gewogen zu sein,

 

so kehrte der Wind sie um,

ins helle ferne Erinnern,

 

wie es ginge, auch ohne

Kosmonautenanzug

in der Leere zu sein

 

(aus: Karin Fellner: „Ohne Kosmonautenanzug“, ganz frisch erschienen! in der parasitenpresse, Köln 2015)