Wiedergänger

Er grub im Blaumann wie nach einem Kriegsbeil
nach den Zigaretten
so hat es begonnen

Dann richtete er sich
auf vor dem stoppenden Fließband sein Vorarbeiter starrte
auf die versiegende Produktion
als brächen die Naturgesetze / die Herzen
der Belegschaft
stockten & hoben sich dann wieder
in die Unschuld / der Arbeit dann fielen auch sie
durch den Rost der zwölften Stunde
in ihm aber schwammen Schwärme von Bienen im Blut
er trug den Kopf unterm Arm fühlte das Geheimnis
losgelassener Hunde tänzelte über die abgeklebten Wege
der Gabelstapler durchtauchte ein Weilchen die Europaletten schwebte
an die windigen Laderampen
wo er zur vollen Stunde stets geraucht
sah dort fern / der Kollegen auf
den hohen Telegraphen an die hundert stumme Vögel ruhen
auf den windigen Drähten
wie auf dunkelblauem Notenpapier
suchte er hier immer wieder ein Fang der Fermate
nach der möglichen Melodie
die sich aus diesem Schlaf ergab

Doch Punkt Eins nach Mitternacht
da der Alarm der Fabriksirene zerriss die Kantinenflur
durchfuhr ihn ein Blitz und er verschwand fristlos
in einem Schweif von Schwefelbrand
im Stanzen der Stechuhr & in seinem Schatten / schummelten
sich die Vögel / von den Drähten
fliehende Noten / die das Feld geräumt / & ungespielt geblieben

Discounter

Es kam Hysterie auf nachdem die Discounter vier Feiertage lang hintereinander
geschlossen gehabt hatten vor uns der Getränkemarkt die Drogerien und es regnete
und regnete und es wurde schon wieder dunkel als alle endlich nach vier Feiertagen
wieder einkaufen gehen konnten und ein schimpfender Mann in einer Camouflagehose
seinen humpelnden Huskie durch die Geschäftestraße zog nachdem er wie alle endlich
nach vier Tagen wieder etwas einkaufen gehen konnte schrie er gegen den dreieinhalb
beinigen Hund an / der Huskiehund aber hatte eine furchtbare Angst die Straße zu queren
denn überall frequentierten wir die Geschäfte die ja vier Tage lang vor uns geschlossen
gehabt hatten alle hupten und hupten und ließen die Bremsen kreischen und der alte
Hund dazwischen hatte Schiß vor der lärmenden Straße und der Camouflagemann war
außer sich und brüllte zum Tier FÄNGST DU JETZT SCHON WIEDER DIE BEINTOUR AN / und zog
sein Tier durch / die Scheinwerferkegel im Regen in der Dunkelheit wo alle danach
drängten nach vier langen Tagen wieder etwas kaufen gehen zu können den alten Huskie
aber verstörte dies alles sehr / es war ihm nicht geheuer mit seinem Hinkebein im
Straßenverkehr aber andererseits war er froh mit seinem Camouflageherrn doch
einmal wieder an die Luft zu gelangen eine Weile draußen zu sein und am überfüllten
Pfandautomaten hechelte er dann ganz zufrieden und lächelte für eine halbe Ewigkeit

Aus der Mitte

Im Nachhinein glaubten wir / daß es der günstigste Moment gewesen war
Wir hatten es geschafft in die Mitte / der Autobahn zu gelangen
Wir richteten uns ein / auf einem schmalen grünen Grat
zwischen den Leitplanken waren wir wirklich
froh es bis hierher geschafft zu haben

Wir durchsuchten unsere Taschen bargen die
Dinge unseres Lebens alles was unser / Gepäck hergab wir fanden
Wein fanden Zigaretten und Brot im Rausch
der Motoren wurde es Nacht und dann wieder Tag und dann riefen wir
uns Sachen zu / ohne daß wir uns auch nur im geringsten
verstanden waren wir / trotzdem froh uns zu haben wie einen Gesang

In der Ferne leuchteten die Schriften die Ziffern der Tankstellen auf
und es wurde Tag und es wurde wieder Nacht
und wir bewunderten die Lkw wie nah und schnell sie uns passierten
ohne daß uns auch nur im geringsten / etwas zustieß
in unseren Schlafsäcken zwischen der Sonne dem Mond
und dem Benzin / wechselten um uns herum
die Jahreszeiten wie gehabt in unserer Mitte aber sahen wir
auf den Verkehr sahen all die bunten Logos der Industrie
wir redeten / schon lange nicht mehr wir rauchten
und tranken nicht mehr wir aßen jeden Tag einen kühlen Kieselstein

Die Geschwindigkeit die wir erlebten ertrugen wir nicht
aber das war uns egal / weil es uns nicht bewußt war bewußt war
uns einzig diese Heldenrolle auf unserem Platz
zwischen den silbernen Leitplanken im Grün / beobachteten wir
immerzu anschwellend mit einer Blume im Mund
einen Zustrom auf uns / Wir wären ja nicht recht
bei Trost gewesen je auf die Idee zu kommen
jene Gefilde wieder zu verlassen
wir versicherten uns immerzu
des Depots der Kieselsteine

Cooking TV

Ein Auge haben / auf das Sterben und Arbeiten gleichzeitig
da würde es vielleicht helfen (weil sich kaum was kräuselt
weil keine Wellenringe schlagen) ein gekonnter Steinwurf
mitten hinein / in die Bilderflut / danach schweben wir
wie die Fakire über die Flatscreenscherben durch das
zum Schweigen Gebrachte hinweg / Später fallen unsren
erschrockenen Kindern kübelweise Digital Versatile Discs
aus dem Mund / diese Spur witternd kreisen alsbald
die ersten Anheizer hungrig und frisch durch den Äther

Fooddesign

Passt mein Essen noch zu mir – und wie
verhält sich das junge
Gemüse zu meinen Sneakers?
Beißt sich nicht all das
Panierte mit meinem T-Shirt – und wie
beeinflusst eigentlich der Dampf der Fritteuse mein
Aftershave an den Wangen?
Ich glaube ich esse / heute einen Apfelbrei

zu meiner Frisur / mit einer Lebensmittelfarbe
bläue ich das Fleisch selten
gekreuzter schwedischer Hochleistungsschafe / und kombiniere
dies alles sanft mit meinen Sommerkontakt-
linsen / mein Kühlschrank ist jetzt innen / immer so lind-

grün / ich garniere ihn für eine Viertelwoche lang
mit Lollo-Rosso-Salaten / schenke sie später einigen
Cheerleadergirls zum Wedeln her / bin ich doch scharf
auf ein neues / weißes Gerät / ich suche da noch
nach einem spannenden Käse / einem stylischen
der meinem Kind Spaß machen könnte

Eucharistie

Worte wie Onenightstands / kamen mir / noch nicht in den Sinn / dennoch / ich erhob mich früh / aus den Kuchenbergen meiner Kommunion / träumte die Eiswaffel über dem Kinn / im Schatten der S-Bahnen von der schweißgestärkten Polyesterbluse der Tante die Schenkel nackt & billig darüber bedruckt von durchnäßten Sonnen / Scheine die ich ja hatte steckte ich ihr noch keine / ins Dekolleté doch der Weg hinüber wo es sich leben ließ / wie in heißer schwarzer Zuckerwatte blieb ein trübes Jahrzehnt lang mir noch Gespinst am Tisch / vor dem Abendbrot / aber den Anzug fix fremdbestäubt von verbotenen Stuyvesants da die Kerze der Morgen / messe lag vergessen und weiß wie geschnitten Fisch im Dunkel zwischen den Geschenkpapieren verborgen ließ ich blau / vom Kirchenwein im Nu meine Finger fahren unter der Tante Perückenbabel / Ach wie / sie sich da stahlen Heuschrecken an der Perlenschnur vom Tantenhals ab schnell in den erhitzten Süden lauschend ihrem an den Haaren herbeigezogenen Lächeln für die plauschenden Onkel

Mysterium

Mein Herz ist immer größer
geworden nicht weil
es wuchs / sondern weil in ihm
immer mehr
Herzen zu schlagen
begannen

Dieses Herz ist eine russische Puppe
eine Matroschka schlagender
Herzen geworden
bis es riss

Ich sehe das erst jetzt
in der Nähe des Luftschachts
nördlich der Pathologen

wie sie alle meine stillstehenden
Herzen vor sich
aufreihen
entnommen dem einen
das zu groß
für mich geworden

Überm Mundschutz
die Pathologen starren
auf ihr Besteck

Sie wissen nicht weiter