Emmi B.

Wie mysteriös / Sonnenfinsternisse sein können / vermerkt der Kölner
Express / ein paar Minuten
bevor sich der Mond vor die Sonne schob
hatte Emmi B. (zweiundachtzig) aus Simmern
bei Koblenz unterwegs
zu einer Geburtstagsfeier nach dem Weg
zum Café Rheinterrassen gefragt
doch / als sie wieder anfuhr
spielte ihr Mercedes verrückt

Als ob eine unsichtbare Macht den Wagen
steuerte / schoss er / mit Vollgas
über einen Radweg / dabei zertrümmerte
das entfesselte Gefährt / eine kleine Mauer & überrollte
ein Verkehrsschild / gebannt
verfolgten an die zweihundert Gäste
die eigentlich die Sonnenfinsternis
hatten beobachten wollen
im Biergarten des Cafés / geschützt

hinter ihren Brillen
dies rätselhafte Todesdrama / wie Emmi B.
an ihnen vorbeiraste mit Höchstgeschwindigkeit
in den Rhein stach
und ertrinkend im Blech des Untertürckheimer Mobils
dem Festland auf immer entsagte: vom Kölner
Blatt befragt
äußerte der Polizeisprecher
Christopher R. geborgen & blass
gefasst im wiederkehrenden Licht:

Dies war kein Selbstmord / sie fuhr den Mercedes schon lange

Ein leichter Tag

Wo es schon anfängt ohne Wolken

nachdem die Mondsichel / fortgeht

wie mit einem Lied auf den Lippen

kaufe ich mir

einen hellblauen Stuhl

und stelle ihn an einen Ort

den die Welt nicht braucht

Fern

Ich denke wie erwachsen / ich als Kind noch war / ich lag
unter der Bettdecke mit einer Lampe und las / inzwischen
ist es unter der Decke dunkel und ich lese nur den Regen
vor meinem nächtlichen Fenster ab / so lange / bis ich in
meiner Meerestiefe angekommen bin meine alte Katze
streift derweil mit ihren Geheimnissen durch die stille
Wohnung / und sichert sich / meine Zuneigung durch ihr
Talent / sich nicht enträtseln zu lassen / da bin ich längst

im Bauch meines Blauwals gestrandet / dort habe ich mich
eingerichtet unter einem schwankenden Kronleuchter
in meinem Sessel über einem veraschten Teppichläufer
der an den leeren Regalen endet / hier schläft manchmal
diese nachdenkliche Nixe im Tabakrauch ein / ich nehme
ihr vorsichtig die Brille ab während ich am Auge des Wals
Ausschau halte nach einem der Länder wo die Zitronen
blühen mein Gott wie wirklichkeitsfremd / bin ich doch
einst mit meinen Büchern noch in der Kindheit gewesen

Sketches

Was zu schön war / frage ich mich an diesem neuen blinden Fenster / was?
noch zu erforschen war / zwischen Westfleisch und Aldi ist meine neunte
Flasche Plastik & dann die zwölfte / Zigarette zauberte dazu blau / pauste
sie sich schlichte Ringe gegen den Sommerregen / und die großen Hallos
der Schicksalsschläge wellten sich sanft zu wessen Weltpfütze an? Hatte ich
vielleicht schon vorher einmal gelebt? Als wer? Als ein Schneckendeuter?
Welcher Untüchtige / war ich vor Zeiten wohl was? Ich hätte mich lieber
erst einmal gerne gehabt / & mit einer lockeren Chimäre von damals ver –
schwistert und das klar & gelassen & sorglos / ohne jedwede bescheuerte
Einflüsterung auf meinen zukünftigen Hund / Ich löffele also tapfer und
taff an meiner Totensuppe / breitgetauft zum Morgen hin- und ungeölt

Boulevard Of Broken Dreams

2 männer in betrachtung des mondes / peter parker

und clark / kent fragen sich solange ihre kostüme

noch schweißgetränkt / im vorwaschgang wirbeln

wo geht eigentlich wirklich hin / all das abgesaugte

fett der schönheitskönigin / schleppt es der gold-

mund des nachts an / die autobahnmeisterei durch

sein drittes lehrjahr als samurai munkelt man klein-

 

hackt er für die verstaatlichten schweinekoben die

leiber all der sündhaften / hitzetoten rentner zu brei

bis zur trockenfunktion noch putzen die / ungetarnten

besorgt an den brillen bleibt es ruhig & die supernova

aus chillen sie noch downtown ein weilchen ohne netz

& doppelten boden narzisse daheim bei muttern in der

laube unterm birnbaum nachgrübelnd dem verfliegen-

 

den traum von der schlankgenähten / fernen kinderfee

im frisbeespiel mit einer alten / christopher-reeve-dvd

aber noch vor ende der letzten thriller ruft der weiße

riese auf / urlaub vom castelgandolfo die königskinder

zur ausbleichung der vorehelichen spermaflecken aber-

mals in die trikothosen zum gemeinsamen tanz & t-shirt

läuten der domglocke fastenlust hinter der karnevalshöh

Schonzeit

Da gab es eine Reihe Blaublütler aus dem Reservoir der Ameisenkönigin / die kamen

und standen für uns / am Redepult / und sprachen / schnell für uns / alle / denn

wir waren schon lange nicht mehr wichtig / wir waren müde / wir erkannten

uns in ihnen nicht wieder / sie glichen professoralen Siouxen im Lesen

und Tilgen der Spuren tablettensüchtige Trapper waren wir allmählich froh dass

sie uns fortentwickelten / wir gingen alle / zufrieden aus den Abenddiskussionen

hervor / die Jüngsten tagten als Ältestenrat und jagten sich / in der Zwischenzeit

um die Sendemasten sie spielten sich durch / komplexe Instanzen und wir formten

uns daraus / manch eine geile Endstadt aus Sand / dazwischen aber kamen

uns an den Parkbänken mehrfach höfliche Sänger zuvor / von außerhalb

den Mund mit piekfeinen Plakaten überklebt / und nickten uns flüchtig zu

Zweitälermeer

Gegen Mitternacht stand alles / still / die Furcht ging vorüber die Dörfer
wurden mächtige funkelnde Kreuzfahrtschiffe auf Bergen gestrandet
auf schwarzen gefrorenen Wellen / ankerten fest überall die Sternbilder
grübelten darüber / hatte ich das Gefühl ich wurde wieder / genauso
fremd hier wie ich gekommen war / auf meinem Zwischendeck / läutete
das Lachen einer späten Betrunkenen den Untergang ein / zum Morgen
sanken die Häuser die Lampen die müden Drogenleute dunkelten auf
ihren Balkonen kielgeholt / ich borgte mir einen Hund / zum Spazierengehen
im Fernseher die letzte / Lichterflut Amy / Winehouse durchschritt ihre Via
Dolorosa immerzu back / to black summte ich sie ausgetrunken an
der Leine meines zufälligen Tieres / das mich unter Kopfweh Gott
weiß wohin trug / und auch in meine Befürchtungen wieder zurück

Wiedergänger

Er grub im Blaumann wie nach einem Kriegsbeil
nach den Zigaretten
so hat es begonnen

Dann richtete er sich
auf vor dem stoppenden Fließband sein Vorarbeiter starrte
auf die versiegende Produktion
als brächen die Naturgesetze / die Herzen
der Belegschaft
stockten & hoben sich dann wieder
in die Unschuld / der Arbeit dann fielen auch sie
durch den Rost der zwölften Stunde
in ihm aber schwammen Schwärme von Bienen im Blut
er trug den Kopf unterm Arm fühlte das Geheimnis
losgelassener Hunde tänzelte über die abgeklebten Wege
der Gabelstapler durchtauchte ein Weilchen die Europaletten schwebte
an die windigen Laderampen
wo er zur vollen Stunde stets geraucht
sah dort fern / der Kollegen auf
den hohen Telegraphen an die hundert stumme Vögel ruhen
auf den windigen Drähten
wie auf dunkelblauem Notenpapier
suchte er hier immer wieder ein Fang der Fermate
nach der möglichen Melodie
die sich aus diesem Schlaf ergab

Doch Punkt Eins nach Mitternacht
da der Alarm der Fabriksirene zerriss die Kantinenflur
durchfuhr ihn ein Blitz und er verschwand fristlos
in einem Schweif von Schwefelbrand
im Stanzen der Stechuhr & in seinem Schatten / schummelten
sich die Vögel / von den Drähten
fliehende Noten / die das Feld geräumt / & ungespielt geblieben

Discounter

Es kam Hysterie auf nachdem die Discounter vier Feiertage lang hintereinander
geschlossen gehabt hatten vor uns der Getränkemarkt die Drogerien und es regnete
und regnete und es wurde schon wieder dunkel als alle endlich nach vier Feiertagen
wieder einkaufen gehen konnten und ein schimpfender Mann in einer Camouflagehose
seinen humpelnden Huskie durch die Geschäftestraße zog nachdem er wie alle endlich
nach vier Tagen wieder etwas einkaufen gehen konnte schrie er gegen den dreieinhalb
beinigen Hund an / der Huskiehund aber hatte eine furchtbare Angst die Straße zu queren
denn überall frequentierten wir die Geschäfte die ja vier Tage lang vor uns geschlossen
gehabt hatten alle hupten und hupten und ließen die Bremsen kreischen und der alte
Hund dazwischen hatte Schiß vor der lärmenden Straße und der Camouflagemann war
außer sich und brüllte zum Tier FÄNGST DU JETZT SCHON WIEDER DIE BEINTOUR AN / und zog
sein Tier durch / die Scheinwerferkegel im Regen in der Dunkelheit wo alle danach
drängten nach vier langen Tagen wieder etwas kaufen gehen zu können den alten Huskie
aber verstörte dies alles sehr / es war ihm nicht geheuer mit seinem Hinkebein im
Straßenverkehr aber andererseits war er froh mit seinem Camouflageherrn doch
einmal wieder an die Luft zu gelangen eine Weile draußen zu sein und am überfüllten
Pfandautomaten hechelte er dann ganz zufrieden und lächelte für eine halbe Ewigkeit

Aus der Mitte

Im Nachhinein glaubten wir / daß es der günstigste Moment gewesen war
Wir hatten es geschafft in die Mitte / der Autobahn zu gelangen
Wir richteten uns ein / auf einem schmalen grünen Grat
zwischen den Leitplanken waren wir wirklich
froh es bis hierher geschafft zu haben

Wir durchsuchten unsere Taschen bargen die
Dinge unseres Lebens alles was unser / Gepäck hergab wir fanden
Wein fanden Zigaretten und Brot im Rausch
der Motoren wurde es Nacht und dann wieder Tag und dann riefen wir
uns Sachen zu / ohne daß wir uns auch nur im geringsten
verstanden waren wir / trotzdem froh uns zu haben wie einen Gesang

In der Ferne leuchteten die Schriften die Ziffern der Tankstellen auf
und es wurde Tag und es wurde wieder Nacht
und wir bewunderten die Lkw wie nah und schnell sie uns passierten
ohne daß uns auch nur im geringsten / etwas zustieß
in unseren Schlafsäcken zwischen der Sonne dem Mond
und dem Benzin / wechselten um uns herum
die Jahreszeiten wie gehabt in unserer Mitte aber sahen wir
auf den Verkehr sahen all die bunten Logos der Industrie
wir redeten / schon lange nicht mehr wir rauchten
und tranken nicht mehr wir aßen jeden Tag einen kühlen Kieselstein

Die Geschwindigkeit die wir erlebten ertrugen wir nicht
aber das war uns egal / weil es uns nicht bewußt war bewußt war
uns einzig diese Heldenrolle auf unserem Platz
zwischen den silbernen Leitplanken im Grün / beobachteten wir
immerzu anschwellend mit einer Blume im Mund
einen Zustrom auf uns / Wir wären ja nicht recht
bei Trost gewesen je auf die Idee zu kommen
jene Gefilde wieder zu verlassen
wir versicherten uns immerzu
des Depots der Kieselsteine