Leerstellen

Leerstellne

1

Am Anfang war der Bahnhof, am Bahnhof der Garten, / wir klaubten   Kartoffeln und Schnecken, die überbrühten wir / mit heißem Wasser.   Den Anfang ließen wir uns nicht / kaputt machen. Noch nicht einmal   von Schnecken.

Der Anfang benötigte Zeit, Zeit verschlang Zeit / und Geschichten,   mittendrin der Kirschbaum, unter / dem die Elfen tanzten. Die Kirschen schützten wir / mit einem Netz, in dem sich ab und zu ein Vogel erhängte.

Am Anfang war der Garten, und die Ahnung, / dass dies nicht der Anfang des Anfangs war. Der Anfang / hatte den Bahnhof im Gepäck. / Der Bahnhof als Anfang / eines Anfangs, der Garten als Folge eines Bahnhofs, / die Reihe von Anfängen fraßen sich wie ein Wurm / durch die Kirsche. Am Baum. Im Garten.

2

Zeit verschlang Geschichten, der Wurm / verschlang die Zeit, zwei   Generationen lang, bevor / er hier ankam, über der Schaukel im Kirschbaum, das tägliche / Elfenopfer im Blick: Himbeeren,  Erdbeeren, Bohnen / neben dem Brunnen unterm Baum, wo sie / tanzten, dass das Gras wuchs. Die Opfer waren tabu. / Der Brunnen auch.

Aus dem Baum späht der Wurm in den Garten, / dort hütet Großmutter das Wort, die Elfen und / alle anderen Geister,  Großvater die Tat, täglich / mit schlanken schweigenden Händen, wetzt Sägen und / Sensen, ein flitzender Blitz, die Sense in seinen Händen / überragt das Kind.

Seine Hände um die Sense, so schön wie / auf einem Plakat der KPD, wären da nicht die Geister. / Die Geister wohnen im Brunnen, so der allwissende / Wurm. Die Geister kommen vom Bahnhof, / so die Großmutter. Später. Und sie / musste es wissen. Später ist klar, die Geister wohnen / überall, nur nicht unter der Erde.

3

Der Wurm frisst sich durch die Kirsche, am Darmende / schillernd  grün, wie das Wasser eines Brunnens / an einem Hochsommertag.  Von drinnen gesehen. / An einem Hochsommertag rufen Züge in die Gärten: / Es fuhr ein Zug Soldaten nach Frankreich übern Rhein. / Der Mohn applaudiert. Dazwischen eine gelbe Lok. / Gehalten von  schönen Händen bewegt das Kind den Zug.

Der Wurm über der Schaukel / schielt zum Brunnen, grün, tabu. Wie Elfen. Heimliche / Geister. Die Geister sind Großmutters Aufgabe. Poltergeister, sagt sie. Später. / Im Bahnwärterhäuschen, nachts. Später / ist klar, es sind Hungergeister, deportiert, OST als Stigma / am Revers.

Später ist gar nichts klar. Am Anfang der Bahnhof und / Frauen, deportierte Weiber, sagt sie, und seine, durch / den Bahnhof vor der Front geretteten, schönen Hände. / Wären da nicht die Hunde. Nichts war klar. / Welche Geister. Die Hunde? Die Frauen?  Wo sie wohnten. / Im Bahnwärterhäuschen? Im Brunnen? / Was sie tun.

4

Zeit verschlang Zeit und Geschichten, der Wurm / verschlang die Zeit, die Hunde, die Frauen, das / Stigma am Revers. In einer Nacht / im Bahnwärterhäuschen spuckte er sie wieder aus. / Hunde,  die Frauen jagten, Lasten zu entladen. / Keine Schranken, keine   Weichen.

Der Wurm verschlang die Geschichten, die Geister / verschlang er    nicht. Die Geister fuhren in Großvaters Hände. / Beim Späne  schneiden, Sense wetzen. / Er wollte Künstler werden, / ist aber Waise geworden. Später / wurde er Medium, wegen seinen bemächtigten Händen, / die schrecklich schön das Messer führten, die wild / und plötzlich zitterten.

Es war Großmutters Aufgabe, sie milde zu stimmen. Milch / für die Katzen der Wilden Jagd, Erntedank für die Elfen / unterm Baum. Nur für den Brunnen hatte sie nichts. / Gegen von Hunden gejagte Hungergeister / kommt niemand an.

5

Später ist klar, Geister spuken immer und überall, auch / an Hochsommertagen. Rangieren in einer gelben Lok / Züge bis zum Bahnwärterhäuschen. Heischen / nach Applaus. Es fuhr ein Zug Soldaten. Ohne / Schranken, ohne  Weichen. Kommen sie mit / in den Garten nebenan. Verwechseln gelbe / Stigmen mit gelben Kindergießkannen.

Ist ein Kind in‘n Brunnen g‘fallen, hab es hören / plumpsen. Mittags  an einem Hochsommertag schillert / der Brunnen grün. Das Kind  zählt Wasserläufer, die / nach Beute springen. Füllt eine gelbe  Kanne. / Wird unter Wasser gedrückt von schönen Händen, gehalten, / herausgerissen, wieder eingetaucht / ins Tabu. Ohne / Schranken, ohne Weichen.

Der Wurm beißt sich aus der Kirsche. Woher / weiß man, wann man weise ist? Sie war / Waise bevor sie weise wurde, kommt / mit dem Blitz zu einem halb ersoffenen Kind. / Flüchtet sich mit ihm vor dem einsetzenden / Gewitter unter Marias Sternenmantel. Er / mit seinen zitternden Händen hört die Hunde / heulen. Draußen.

6

Er wollte Künstler werden, dann ist das Leben / dazwischen  gekommen. Schrecken, Schocks, / und weiße Pillen, die gierig der Wurm verschlang. / Später wurde er Medium, / um mit seinen Händen den Toten zwar nicht / das Leben, doch eine Sprache zu geben. / Er mochte Katzen. Hunden vertraute er nicht. / Er heulte den Mond an, sommers wie winters / fingen wir ihn auf der Straße ein.

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