Großstadtvögel

Es war nicht so, dass mich Vögel interessierten. Vögel im allgemeinen und Tauben im besonderen waren mir völlig egal. Aber was sollte ich tun, als vergangenen Herbst diese Taube auf meinem Balkon landete, mit einem zerfetzten Fuß? Zu fertig, um ihr Leben zu leben. Saß einfach da, zwei ganze Tage lang. Sollte ich ihr doch den Gnadentod geben, schien sie zu denken. Dachte ich. Immer wieder trat ich auf den Balkon, und der Vogel saß da und sah mich an, und wir sahen uns an und zitterten. Wegen des Hammers in meiner Hand. In meiner erhobenen Hand.

Ich räumte den Hammer weg. Dann rief ich die Tierärztin im Stadtteil an. Gabriele, tu was. Doch als sie kam, zückte sie nicht die Spritze, sondern brachte den Vogel in meine Küche, wo sie ihn in mein Handtuch wickelte und auf meinen Tisch setzte. Dort untersuchte sie ihn, betastete ihn von allen Seiten. Der Vogel spreizte die Flügel, starrte sie auf diese Vogelart an, sonst hielt er still.

Gabriele sagte, es sei, abgesehen von dem septischen Fuß, eine völlig gesunde Stadttaube, ein Mädchen und kein Jahr alt. Vielleicht habe sie sich in den Stacheln der Taubenabwehr verfangen, dafür sprächen die kleineren Verletzungen am Rumpf, und beim Versuch, sich zu befreien, mit dem Fuß auf den Nadeln abgestoßen. Und das wohl mehrmals, sagte Gabriele und deutete auf die zerfetzten, entzündeten Krallen. Nun, das sei der natürliche Tod einer Großstadttaube. Die meisten würden kein Jahr alt, sagte Gabriele. Sie könnten über zehn Jahre alt werden. Und ich bin Tierärztin, sagte sie noch, und trank ihren Kaffee aus. Dann zückte sie endlich eine Spritze. Doch nur, um dem Vogel mit der Knochensäge auf meinem Küchentisch das halbe Bein zu amputieren.

Nachdem sie den winzigen Hautlappen vernäht hatte, zündetete sie sich eine Zigarette an und warf den kaputten Fuß in meinen Müll.
Nur weil ein Leben ein bisschen beschädigt ist, wirft man es doch nicht weg, sagte Gabriele. Bei guter Pflege wird sie im Frühjahr wieder fliegen.
Was soll ich mit einer behinderten Taube?
Du könntest sie ins Tierheim bringen. Dort würde sie getötet. Sie ist ja kein Hund.
Sie ist ein Parasit, eine Luftratte, sagte ich, und sah den betäubten Vogel auf meinem Küchentisch an, in dessen Gefieder die aufgescheuchten Flöhe krabbelten. Gabriele drückte mir eine Dose Flohpulver in die Hand und setzte dem Tier noch ein paar Spritzen.

Die Taube erholte sich wirklich erstaunlich schnell. Ein paar Tage lang saß sie noch still und teilnahmslos in dem Käfig, den Gabriele vorbeigebracht hatte, dann wollte sie Aufmerksamkeit. Den Käfig akzeptierte sie für die Nacht, doch sobald es hell wurde, fing sie an zu gurren und zu flattern, bis ich die Türe öffnete. Daraufhin folgte sie mir auf Schritt und Tritt. Das hieß, sie flatterte und hüpfte auf einem Bein hinter mir her, laufen konnte sie ja nicht. Sie wollte Hautkontakt, Gespräche (ach, lass mich doch in Frieden) und Schnabelgepicke (wir sind doch Freunde, oder?). Nach etwa zwei Wochen hatte sie sich soweit ausbalanciert, dass sie sich auf meine Schulter setzte. Ich ging mit ihr auf die Straße, in der Hoffnung, dass sie einfach die Freiheit suchen würde. Doch sie krallte sich mit dem guten Bein nur noch fester in meine Jacke. So gingen wir eine Runde spazieren. Ich, müde von meiner Nachtarbeit, auf meiner Schulter eine einbeinige Taube.

Was will sie? fragte ich Gabriele.
Gesellschaft, sagte Gabriele. Tauben sind monogam. Sie werden verrückt, wenn sie alleine sind.
Warum sucht sie sich dann nicht eine andere Taube?
Warum suchst du dir nicht einen anderen Menschen?

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