Witha

In diese Wohnung ziehen öfter Leute ein, ohne dass ich etwas davon mitbekomme. Der Eigentümer vermietet die Zimmer einzeln, zu einem gesalzenen Preis, und so kann es passieren, dass ich erst durch Essensgerüche in der Küchennische oder eine verschlossene Toilettentür auf neue Mitbewohner aufmerksam werde. Niemand wohnt gerne hier und niemand zieht ein, um hier alt zu werden. Außer mir ist auch niemand lange geblieben.

Ich wunderte mich also nicht, als ich nach einem Krankenhausaufenthalt nach Hause kam und Witha in der Küche begegnete. Witha war klein und dick, vielmehr war sie fett, und obwohl es Sommer war, trug sie mehrere Schichten Kleider, allesamt ein paar Nummern zu groß für sie. Das Fett und die Kleider eine Hülle, und irgendwo da drin hauste Witha.
Roswitha, sagte sie mit einem kleinen Lächeln in diesem Gesicht, das aussah, als wäre noch eine zweite Hautschicht darübergezogen worden. Aber lieber heiße ich Witha.
Dann also Witha.
Die Pflanzen sind eingegangen, sagte sie und zeigte auf die Skelette in den Blumentöpfen.
Ich war im Krankenhaus. Niemand hat sich um sie gekümmert.
Was so nicht stimmte. Sie waren schon vorher verdorrt. Ich hatte ganz einfach vergessen, sie zu gießen.
Wer wohnt in den anderen Zimmern? fragte sie, und ich zuckte die Achseln.
Irgendwelche Leute, die nie da sind.

Witha rauchte nicht und sie trank nicht. Aber sie sagte auch nichts zu meinen Exzessen, wenn ich in der Küche bis spät in die Nacht hinein bei einer Schachtel Zigaretten und einer Flasche Wein Patiencen legte. Manchmal kam sie hereingewatschelt, dann sah sie mir über die Schulter, die Pik-Acht zur Herz-Neun, sagte sie und verschwand wieder in ihr Zimmer.
Sie störte mich nicht, und sie fehlte mir nicht. Sie war da, so wie eine Topfpflanze da war. Ich bemerkte kaum, dass sie die Wohnung zu füllen begann mit ihrer massigen Anwesenheit und mit ihren Spiegeln. Kleine, große, runde, eckige, mit oder ohne Rahmen, die sie im Gang, im Bad und in der Küche verteilte. Über das Waschbecken im Bad hängte sie einen dreieckigen Spiegel mit Goldrahmen, und im Gang stellte sie einen Ganzkörperspiegel auf. Es gibt viele Arten von Spiegeln.
Bisweilen, wenn ich morgens mit meinen Bettgerüchen durch die Wohnung stolperte, lächelte sie und murmelte flache Grüße. Anfangs ignorierte ich sie, aber schließlich gewöhnte ich es mir an, ihr im Ganzkörperspiegel zuzunicken. Verwirrender wurde es, als sie einen zweiten direkt gegenüber aufstellte.

Ob es mich störe, fragte sie mich eines abends am Ende einer Flasche Wein während ich den Karo-Buben auf die Kreuz-Dame umverteilte. Ich blickte hoch. Ihre Anwesenheit hatte ich bereits wieder vergessen. So wie ich die Topfpflanzen vergaß.
Die Spiegel, fügte sie lächelnd hinzu, ob mich die Spiegel störten.
Erst da fiel mir auf, dass sie die Wände der Küchennische mit Spiegelscherben gepflastert hatte. Unzählige gebrochene Withas im Spiegel im Spiegel.
Mir ist heute nicht gut, sagte sie. Lass uns was spielen.
Was spielen?
Dieses Spiel, in dem die beiden Kreuz-Damen heiraten.
Doppelkopf? Das spielt man zu viert.
Hast du geheiratet? fragte Witha.
Ich hatte einen Hund. Er hieß Regen. Weil ich ihn bei Regen im Straßengraben gefunden habe.
Wo ist er jetzt?
Tot.
Witha erwiderte nichts. Sie sah mich an aus den Scherben mit ihrem Gesicht, das keinerlei Falten warf.
Mir ist heute nicht gut, sagte sie noch einmal.
Trink einen Schluck. Ich goss den Rest aus der Flasche für sie in ein Glas.
Als ich wieder aufsah, war sie nackt. Splitterfasernackt. Und weiß. Unzählige nackte weiße Withas im Spiegel im Spiegel. Weiße Mollusken, die ihre Fühler nach mir ausstreckten, das waren ihre Hände.
Wie kannst du dich nur bewegen?
Das Bewegen ist nicht das Problem, sagte sie. Aber das Stillstehen. Sie lächelte.
Und dann waren sie auf mir, über mir, um mich herum, tausend Withas, weiße, weiche Fühler, die nach mir tasteten, ein süßer Hefeteig, erhitzt von einem Aufzüngeln.

Nachher stellte sich die Stille ein.
Sag doch was.
Was?
Witha antwortete nicht. Stattdessen zog sie aus ihrem Kleiderhaufen eine Postkarte hervor.
Was ist das?
Der Eiffelturm.
Woher hast du sie?
Gefunden. Schließlich lächelte sie und klebte den Eiffelturm auf eine Scherbe. Sie sagte: Ich war noch nie in Paris.

Advertisements