Herz mit Gemüse

An dem Tag, als Rebekka ausgezogen war, bekam ich Hunger auf Herzen. Herzen in Aspik, in Rotweinsoße, geschmort, gebraten oder gedünstet. Meist von Jungtieren, Lämmern, Kälbern, manchmal auch von Geflügel gleich welchen Alters.

Ich hatte es mir eigentlich abgewöhnt, Rebekka aß vegetarisch, und ich schloss mich ihr an. Nicht, dass ich das wirklich vorgehabt hätte, es war nur einfacher so. Während ich die Aorta eines Kalbes durchtrennte, brach sie den Fötus einer Paprikaschote aus seinem Kernbett und warf ihn in siedendes Öl. Ich fühlte mich sehr alleine mit meiner Sucht nach Herzen. Sie schien uns zu trennen. Und so hatte ich das Herz an die Nachbarskatze verfüttert und aß mit Rebekka Linsen.

Wir kochten Reis mit eingelegtem Tofu, Kartoffelgratin und Minestrone. Ich begann, mich daran zu gewöhnen, aber zufrieden war ich nicht. Ich mäkelte am Essen herum, und Rebekka lachte und sagte: Bekommst du einen Herzanfall?
Da wusste ich, was ich wollte. Wenn ich von meinen Herzen abließ, sollte sie auch etwas hergeben.
Rebekka, sagte ich. Weißt du, dein Aquarium …
Was ist mit meinem Aquarium?
Nichts, sagte ich. Ihr Aquarium war mir völlig egal. Es ist nur … so laut.
Laut?
Es plätschert. Besonders nachts.
Ach.
Ich bekomme Alpträume davon. Ich träume von … Fischen.
Sie sah mich an.
Es sind sehr große Fische, sagte ich.
Aber … was soll ich tun?
Ich erwiderte nichts. Ich kannte sie. Man durfte sie nicht drängen.
Nach einem Abendessen aus Polenta mit Zucchini legte sie eine doppelt gefaltete Decke über ihr Aquarium.
Hörst du noch was?
Ich nagte an der Unterlippe.
Sie lächelte.

Ich konnte nicht schlafen. Der Wecker tickte, ein Uhr, halb zwei, Rebekka schnarchte, und durch die Dunkelheit schwammen Fische, Blaue Fächerschwanzguppies, Rote Neonfische, Punktierte Schilderwelse und Küssende Guramis.
Rebekka, sagte ich. Rebekka, haben Fische ein Herz?
Sie drehte sich um und zog das Kissen über ihren Kopf.

Das Herz einer Regenbogenforelle befindet sich zwischen den Kiemen. Es ist ein rötlicher Beutel, etwa so groß wie eine Ein-Cent-Münze, was ziemlich klein für einen so großen Fisch ist. Es hat die Konsistenz einer Nacktschnecke. Und es riecht nach Fisch.
Was machst du da?
Ich habe ein Herz gefunden.
Und?
Es gefällt mir nicht.
Rebekka hob die Augenbrauen. Dann wusch sie die eingeweichten Feuerbohnen und kochte Chili senza Carne.
Ich hockte mich vor das Aquarium. Acht Rote Neonfische, fünf Blaue Fächerschwanzguppies und zwei Küssende Guramis schwammen mit glotzenden Augen hin und her und hin und her. Keiner würdigte mich eines Blickes.

In dieser Nacht träumte ich von einer übergroßen Forelle, die sich aus dem Aquarium erhob. Sie gaffte mir ins Gesicht. Dann stieß sie ihre Hand in meinen Hals, wühlte darin herum und zog mein Herz heraus, das zuckte und pochte, aber sie biss hinein und verschlang es Stück um Stück.
He, Rebekka schüttelte mich. Wach auf. Du hast geträumt.
Es ist dieser Fisch.
Was in aller Welt hast du gegen Fische?
Er hat mein Herz gefressen.
Du spinnst, sagte Rebekka. Das Herz eines Fisches ist sehr empfindsam. Im Gegensatz zu manch anderen.
Dann zog sie sich das Kissen über den Kopf.

Am nächsten Morgen bat ich Rebekka, das Aquarium abgedeckt zu lassen.
Aber das geht nicht. Die Fische brauchen Licht.
Ich sah sie an.
Sie seufzte. Schließlich zündete sie sich eine Zigarette an und holte ihre Zeitschrift für Aquaristik.
Was suchst du?
Ich sehe nach, ob jemand Aquariumfische braucht.
Ich machte ihr einen Cappuccino. Mit extra Schaum.

Ich dachte mir nichts dabei, als Rebekka, jedes Mal, wenn sie ihre Fische besuchte, erst weit nach Mitternacht nach Hause kam und nach frischem Duschgel roch. Und auch nicht, als sie Artischocken zubereitete und darauf bestand, beide Herzen für sich zu behalten. Ich nahm an, es läge daran, dass sie etwas hergegeben hatte.
Erst als ich die Schalen von dreißig Herzmuscheln im Mülleimer fand, wurde ich stutzig, doch da war es bereits zu spät. Es half nichts, das beste Ratatouille zu kochen, das mir jemals gelungen war. Am Abend ihres Auszugs schnitten wir eine Wassermelone auf und teilten uns deren süßes Herz.

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