Gabrieles Zaun im Januar

Heute stand sie auf der Terrasse und dort lag der erfrorene Vogel im Schnee, die Beine in die Luft gestreckt, als wolle er nach dem Himmel greifen. Sie hob den steifen Körper auf. Kein Vogel mehr. Sah noch aus wie ein Vogel. War auch mal ein Vogel drin. Was von ihm übrig blieb, war die flüchtige Erinnerung an einen Vogel. Tot also, wie der Wäscheständer, wie der Blumentopf, und sie fragte sich, ob inmitten der Unendlichkeit toter Materie im Universum der eigentliche Skandal nicht der Tod, sondern das Leben sei. Sie wog den hartgefrorenen Körper in der Hand. Wie leicht er war. Dann warf sie ihn über den Zaun.

Sie schloss die Terrassentür und hatte das dringende Bedürfnis nach einer Zigarette. Sie ließ es bleiben. Sie wollte ein wenig Disziplin zeigen, in der Hoffnung, damit ihr Leben zu verlängern, denn wie allen, die dem eigenen Bewusstsein Bedeutung beimessen, erschien es auch ihr merkwürdig, nach einer unbestimmten Zeit zu erlöschen wie eine ausgeknipste Glühbirne. Und dies auch noch schneller als jeder Baum. Was sie unfair fand, dass ein stummer Baum mit einem längeren natürlichen Leben belohnt wird als ein sprachgewandtes bedeutungsvolles Bewusstsein. Sie dachte an den Baum der Erkenntnis. Und an die Schlange der Genesis, die Eva dazu überredet hatte, von dessen Frucht zu essen. Dann fiel ihr ein, dass die meisten Schlangenarten vom Aussterben bedroht sind.

Zumindest glaubte sie, davon gehört zu haben. Ihr Gedächtnis war kurz geworden, und während sie die Wörter „schlange aussterben“ in die Suchmaschine tippte, fragte sie sich, ob Erinnerungen das Bewusstsein bestimmen oder das Bewusstsein die Erinnerung, und ob die Suchmaschine zu einem Teil ihres eigenen Bewusstseins geworden war. Ihre Suche ergab 925.000 Ergebnisse in 0,27 Sekunden. An zweiter Stelle fand sie einen Zeitungsartikel vom 07.06.2002 mit der Schlagzeile: „Vom Aussterben bedrohte Schlangen sollen das Leben verlängern“.

(Sabina Lorenz)

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