Epilog

Es ist vier in der Früh, Ende November, es schneit
ein bisschen, die Dächer sind schon weiß, und die Frau
von gegenüber raucht eine Zigarette auf dem Balkon.

Erinnerst Du Dich an sie. Sie schläft nie.

Dir würde der Schnee nicht gefallen, ich weiß, Du sagtest
Schnee mache weihnachtliche Gefühle, und Du konntest ja
Weihnachten nicht leiden.

Ich hab‘ Deinen ausgefransten

Wollpullover noch, den, den Du mir gabst, als es mitten
in der Nacht regnete, und für ein Taxi hatten wir kein Geld.
Wir sind auf Forschungsreise, so Du, und Forschungsreisen
sind immer nass und unbequem.

Bist Du noch auf Forschungsreise.

Er ist mir ein bisschen zu groß, Dein Wollpullover, und
er ist mittlerweile weit gereist. Aber nicht so weit wie Du,
ich weiß.

Ich war in Kolkata letztes Jahr,

und da war ein Mädchen, das verkaufte Plastikrosen
vor einem kleinen Tempel. Plastikrosen und blinkende
Lämpchen für die vierarmige Kali mit ihrer Halskette
aus Totenschädeln.

Ich glaube, sie hätte Dir gefallen.

Ich hatte keine Ahnung, dass Du Rosen nicht mochtest.
L. sagte es mir, hinterher, sie sagte, Rosen seien für Dich
so etwas wie Schneeweißchen und Rosenrot. Aber da
konnte ich es nicht mehr ändern.

Und Du hattest ja nichts gesagt.

Vor ein paar Wochen sah ich bei L. die Scherben
des blauen Glases, das Du an die Wand geworfen hast
an jenem Abend, als Du sagtest,

Du müssest Dir klar werden.

L. sagt, sie habe Deine Scherben überallhin
mitgenommen. Ihr geht es gut. Sie ist zurück
gekommen.

Was kann ich Dir noch schreiben.

Ich wünsche, dass es dort, wo Du jetzt bist,
kein Weihnachten gibt. L. hat mir eine Scherbe
mitgegeben. Ich hoffe, es ist Dir Recht.

(aus: Sabina Lorenz, Echos für eine Nacht, Lyrikedition 2000, 2010)

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