Hommage an die Kastanie im Hof

Wie alt sie ist: Das Pflaster am Boden aufgebogen, Flachwurzlerin,
gut fürs Überleben. Ihr Blick übers Dach gibt weitere Dächer frei.
Orgasmen aus dem fünften Stock nah an ihren Fühlern. Vielleicht
Frequenzen, geleitet vom Geäst. In ihren Zweigen scheint sie
zu träumen. Vielleicht ein Haustraum. Vielleicht unterschiedliche
Schwingungen des Schreis. Ob sie sich erinnert. An herrische Stiefel
auf ihren Füßen. Da war sie jung. Ob sie ihn erfasste, den Tenor
dieser Frequenz. Später die Druckwelle eines Granateneinschlags
im Dachgestühl. Erdbeben gleich. Bis in ihre Wurzeln. Wellen
von Schreie, ihr eigenes Erzittern. Ob sie es da verband. Heut‘
streiten Vögel sich um einen Platz in ihr, schon ist sie am Blühen.

(Sabina Lorenz)

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