Ich trage Schlafanzüge …

Ich trage Schlafanzüge mit schwarzer Krawatte
auf weißem Hemd. Mein Kundenkontakt
während der Nachtschicht beschränkt sich auf
hoffnungslose Fälle. Über den Dächern berate
ich Entschlafende, die ihren Weg suchen. Jede
Karriere verläuft anders, sage ich. Früher zum
Beispiel, als man noch täglich sein Tablett aus
der Kantine über die Regenrinne zurück zur
Geschirrausgabe brachte, war es vom
Tellerwäscher zum Millionär nur ein
Katzensprung aufs andere Haus. Heute ist der
Weg vernebelt und in manchen Zeiten kaum
zu erkennen. Ich rate zur Vorsicht bei
Neumond. In meinem Geschäft entscheiden
über Aufstieg und Fall nur die sichere Balance
und der beständige Glaube an die eigenen
Träume. Jede Form der Selbstverwirklichung,
die mit Aufwachen verbunden ist, endet
tragisch. Die meisten kehren ins Leben zurück
und gründen Familien. Viele von ihnen
werden alt und vergesslich, was ihre Zeit über
den Giebeln betrifft. Sie leben bescheidene
Leben in Dachgeschosswohnungen oder
Reihenhäusern und sind, von den Stunden
abgesehen, in denen sie Ruhe finden, schlaflos.

(Markus Breidenich)

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