Epilog für eine Katze III

Noch einmal Leben jagen mit Sprüngen, die nie ganz
domestiziert, jeder Muskel vollendete Autonomie und Lust
und Spiel, mein Daimon, du Jägerin, in den Ohrenspitzen noch
den Gesang der Vögel im Morgengrauen. Wach bleiben, wach
beim Krächzen der Krähen, wach gegen den untergehenden
Dunkelmond, und du weißt, was folgt. Noch einmal verweilen
an jedem Ort, noch einmal die Chronik deines Lebens, inniger
Abschied, Berührungen, Stimmen und Bilder. Wie klingt
der Sternenstaub? Wach bleiben gegen die Durchgehbarkeit,
die Nadel im Bauch, wach gegen die aufsteigende Lähmung.
Leben saugen. Leben saugen. Die Ohren steif bis ins letzte
Haar. Aufstehen gegen den letzten Käfig, der dir den Atem
nimmt, deinen Herzschlag, nach Luft schnappen zuletzt.
Aufstehen. Die Krähen.

Advertisements

ein-aus-fädeln

im Musterkoffer, Chenille, sitzt Ich unter andern und lernt, sich zu stauchen, zu dehnen, wechselwirkt mit Kapseln, franst aus, gerät zwischen Scheren, wird versäubert, fragt: was, was hab ich vergessen?

zuvor war was gefallen, hoch aus stofflosem Grund, ballte, stülpte nach außen, schied oben von unten und verdickte, auf Spannung gehalten, faltete sich in Zeit, ward Ich, zum Durchschlag bereit.

rasch wird Ich abgespult durchs elektrifizierte Gehäuse, ist Stückware jetzt, perforiert von Schnäbeln, sie singen Verbindung, verwickeln aber die Sinne, Ich entsinnt sich nicht, wohin Rückfäden gingen.

fleckig ist Ich geworden, will Regulatoren entrinnen, flieht in Rüschen, Gebinde des Wendens, von Heißmangel flach, wird Ich gefragt, ob es Kokon werden wolle oder doch Knopflochraupe.

rückwärts ist keine Mitte, wenn Stoffe fallen, heben mehrfach inverse Säume sich auf, Ich, ungewirkt, wirkungslos, lose, springt aus dem Koffer, dem Kopf, entnimmt sich, begeht Verz-t.

 

(Karin Fellner)

Log (Part 2)

[…]

Was ist noch nicht gesagt?

wenn einer rotnackig schreit, wenn daraus viele werden,

wenn viele rotnackig schreien, wenn sich der Bildschirm mit

schreienden Rotnacken füllt, was

fragen? Sagen?

sagst Du?

Dass es abends besser wird. Wenn die To-Do‘s

schweigen. Wenn Stille einkehrt. Nur im Fenster

übern Hof brennt noch Licht. Deine Nachbarin

macht sich bereit für den Schlaf.

Kleinere Nachbarn auch, unter ihnen Pferde, 2 Millimeter groß,

wohnen im Innenhof des Innenhofs, sie

reparieren alles,

Janusaugen, Aras, Kinderarme, Amseln.

Träumen vom Eozän, als einst Vögel Pferde fraßen.

5000 Lichtjahre entfernt entstehen

Sterne in Wänden aus dunklem Staub.

Nur unsere Götter kreisen um Sex und Macht.

sechs mal acht, sechs mal acht

Körner, 3-D-Puzzle-Götter. Die wachsen immer nach.

Mit donnerndem Applaus.

Auch in Paradise, Las Vegas, ist

„nie ein Eden gewesen“. Fehler im evolutionären

System: der Verbrennungsmotor.

:essen verdauen ausscheiden:

Hab ich da was verwechselt?

:ansaugen, verdichten, arbeiten, ausstoßen:

So funktioniert das Getriebe der Harpyien,

der Dunkeln,

Beine und Zehen sind blassgelb

der Schnellfüßigen, Schnellflügligen:

Sie tut nix. Sie will nur spielen

eia, look alive!“

„Wait“: Du, ja du, dünnweißes Seelchen, dazu verdammt,

immerfort dasselbe zu tun, Schnee von gestern

in gefrorenen Regen zu verwandeln.

„Der Grund ist das, was uns antreibt.“

Der Grund schlägt Wurzeln, schlägt einen Purzelbaum.

Janus muss Jain dazu sagen. Muss Rain machen, hey:

„Diesmal wird uns niemand aufhalten!“

Gestrandete treiben vorbei.

Janus rotiert mit vier Augen:

Zweiäuglein, was siehst du in dem dunklen Ding?

Eine Camera obscura. Eine Unwucht.

Einen Raum im Raum, durch den du läufst,

kämpfst in Arenen gegen künstliche Intelligenz,

kommen dir Tränen bei einer Handvoll Leute,

die suchen ein Land umzustimmen mit Gesang.

(Wie nostalgisch, ich weiß.)

nun, dies hat für den Rest meines Kopfs zu sein:

kein Punkt, ein Loch in der Wand,

ganz durch die Schale des Denkens.

Denk an die Geometrie dieser Straßen, Siegesstraßen,

– 3-D-Puzzle, die wachsen immer nach ‒

Du spielst, du gewinnst. Du spielst, du verlierst.

Du spielst. Dazwischen wirst du angemahnt:

„Opfere deine Haltung. Finde zu neuem Wachstum.“

Sag, was ist seltener als eine totale Finsternis bei Supermond?

Ich weiß nicht. Komm, wir satteln

die 2-Millimeter-Pferde und reiten

hūhū – in den über und über roten Erduntergang.

 

(LOG, Part 2,
von Sabina Lorenz & Karin Fellner;
dieser Text entstand für die Kooperationslesung 2017,
organisiert von Ayna Steigerwald und Tristan Marquardt)

2fell – Eine Kooperation

vorgetragen als Bühnenstück am 28. Mai 2016 im Fraunhofer Theater München
und am 6. August 2016 in Grainau/Oberbayern

C&A: Voll in die Nostalgiefalle: Mein Herz ist ein Roadmovie ohne Abzweigungen.

C&A: Voll in die Nostalgiefalle: Mein Herz ist ein Roadmovie ohne Abzweigungen.

C&A: Voll in die Nostalgiefalle: Mein Herz ist ein Roadmovie ohne Abzweigungen.

C: 2 Fell A: 2fell C&A: 2fell!

C: Armin Steigenberger

A: Christel Steigenberger

C: 16.05.1999 Rom „Römische Skizze 1“
Ins verwaschene Rot am Piazza Navona
Musik Marmor und flirrendes Blau
– einen Taubenblick später –
Der Rosenverkäufer
ein Sonnenlächeln in Worte geflüstert
Gitarrenklänge setzen sich aufs Pflaster

A: 18.05.1999 Rom
Schreibmaschine kreuzt Corso über Chipsletten diagonal verschrägt Zebrastreifen schnell! Hupkonzert Taxi ampelt umgeschaltet zwei Treppen Sakkomenschen Jojo-umhüpft treppengeküsst Gas geben (con gas) einen Eissprung Obelisk entlang: vis-a-vis Vatikan San Pietro treibt es Tiberbrücken hinauf rollerbladend auf die Ramp, Spitze! wassersprudelnd rechts daneben wohin? woher? Antike futurismo aufgesäult kaffeeschlürfend empor Augenblick von Trájan maritim Carabinieri bergab. Ruinen
autostrada beschleunigen Pina Coladas päpstelnd endlogisch Pizzeria. Kommando Repubblica eventuell bombt assassino Stop!

(…)

weiter hier –>
http://www.signaturen-magazin.de/christel—armin-steigenberger–2fell.html

Log (Part 1)

 

Setzt du einen Punkt?

Was kann ich setzen, besetzen, wenn jeder Punkt

von Mengen durchlaufen wird, von möglichen Winden und …

von Sonnenaufgängen, Prozessen,

von Kausalitätsketten, weiter und weiter, bis

das letzte Ereignis der Kette ausgelöst wurde …

Was folgt aus dem letzten Ereignis?

Abends wird es besser

Ein Punkt mit Dimension null

ein steinerner Janus

wachsen draus Augen, Inseln

sta-stammeln Körniges

im Eiland, eine Sandbox, versandet zu Komplizen

gegen Gestrandete. Was sehen die, die draußen stehen?

draußen vor der Box, dem Bus, dem Boot –

(ich zitiere Carolin Emcke):„ die da draußen stehen,

sehen weder die Angst noch

sehen sie überhaupt, dass das Menschen sind.

Sie brüllen sie an, als wären es Invasoren.“

Schau aus dem Fenster. Da wird eine Gottesanbeterin

„Eia, inniger Gruß!

Eia, süße Umarmung!“

totgefahren. Arms. Armas. Armi. Kämpfende Kinder

schneiden sich vor deinem Haus die Kehle durch.

Brachial. Heißt: den Arm betreffend, lern ich,

wie fuchteln, stemmen, schließen.

Möcht ich das Armsein lernen, Dich in die Amselgedanken

schließen, bis Pronomen, wir, sie, sich auftun –

– sieh: sie stehen vor der Tür, entschließen

sich zur Sichtbarkeit, die Worte, die Gesten

kennen wir, als stammten sie aus unserer

eigenen Erinnerung.

Eine Erinnerung lang war ich Rekrut,

durch ein Behelfshaus stolpernd, wo

jemand belferte: „Stramm, strammer, look alive!“

„Sounds about right“

Was tust du? Bewaffnest du dich? Gehst du

antike Götter feiern? Später

feiern die Götter sich selbst, mit Bonmots und Bonbons.

Zum Toast nimmt einer die Erde, schlägt sie lässig auf

die Spitze, à la Kolumbus:

„Der Unterschied ist, meine Herren, dass Sie es hätten tun können,

ich aber hab es getan!“

Gesagt, getan, es immer wieder tun.

Was bleibt von uns, außer Müdigkeit?

fossilisierte Arten im „schtzngrmm schtzngrmm“?

Die Rüdigkeit der Arten?

Wir haben uns im Zoo geküsst, zwischen

Haien, Harpyien und vorm Papageienhaus,

ein Ara schrie „Arschloch, Arschloch“ heraus.

Was ist noch nicht gesagt?

[…]

 

(LOG, Part 1, von
Sabina Lorenz & Karin Fellner;
dieser Text entstand für die Kooperationslesung 2017,
organisiert von Ayna Steigerwald und Tristan Marquardt)

zu tengelmanns zeiten

wurde in USA ein neuer dissident
gewählt. ich habe nun bei suicide books
ein neues buch draußen. mein neues kleid
hat verwerfungen. aktiv denken fällt so
manchem total schwer. wir sind
aus fleisch und blut, mein budenzauber
hält uns, wir schweigen aus allen mündern.
alpenmilch ist haltbar und gesund.

(2009)

„Störungen in einem fast idealen Modell“

Wie, wo und warum können Gedichte zu Störungen werden? Welche Frequenzanteile oder Stimmen überlagern sich in ihnen? Inwiefern funktionieren sie als „Weißes Rauschen“? Unsere dritte Jahreslesung im Giesinger Bahnhof wird ein Reimfrei-Replay: Ann-Kathrin Ast, Karin Fellner und Andrea Heuser stellen neue Texte vor. Diese Gedichte werden von anderen Reimfreien und unserem Gast Pia-Elisabeth Leuschner beleuchtet und beantwortet: mit eigenen Gedichten, mit Bildern und Musik, frei assoziierend und genau kommentierend.

reimfrei-plakat-dez-2016-mit-qrcode-1