„Störungen in einem fast idealen Modell“

Wie, wo und warum können Gedichte zu Störungen werden? Welche Frequenzanteile oder Stimmen überlagern sich in ihnen? Inwiefern funktionieren sie als „Weißes Rauschen“? Unsere dritte Jahreslesung im Giesinger Bahnhof wird ein Reimfrei-Replay: Ann-Kathrin Ast, Karin Fellner und Andrea Heuser stellen neue Texte vor. Diese Gedichte werden von anderen Reimfreien und unserem Gast Pia-Elisabeth Leuschner beleuchtet und beantwortet: mit eigenen Gedichten, mit Bildern und Musik, frei assoziierend und genau kommentierend.

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Rose Main Reading Room, Public Library, New York City, 25.10.2016

In diesen Räumen ist es hölzern aber sympathisch, man kann sich aufwärmen und so tun als könnte man den ganzen Tag herumstrolchen, sich einen Bibliotheksausweis besorgen ohne Flashlight dichten, dichten in der Public Library sitzen wir alle an einem Tisch, jeder nur einen bequemen leise und hell.

Hell und leise am Vormittag überraschend Lyrik vom fortgesetzten Glück ein Abglanz früherer Glückszustände und demokratische Träume in 3 Minuten Bildung für wirklich jeden pausbäckigen Wolkentags-Büchernarr im Katalog der wohlklimatisierten Seelen.

Hier ist Amerika nur ein Theseus-Schiff, ein lesenswerter Comic, ein knittriger Papierfinger angesichts der wolkigen Restbestände droben im blauen Archiv.

Free and open access auf jede Playlist seit 1911 mit superschnellen Augenbällen in den Periodika blättern nach postapokalyptischen Hadesnews ab in den Kartenraum, hier gibt es nur Bildungsfrüchtchen und kandierte Buchstaben on the rocks.

Oder aber auch geheime Wortfreuden aus Shakespeares Zehenzwischenraum tönt etwas Blankvers aus älteren Jahren nypl.org und ein Hauch von Geduld und Tapferkeit, die beiden feuergefährlichsten Löwen der Tugendhaftigkeit warten schon länger auf die happy hour.

Du bist hier available für kleine lächelnde Teufel aller Art zu haben, doch nicht jederzeit!

Alle Lüster froh am Brennen als way of life: niemand ist ein Niemand!

(2fell)

Šumava, Schaumwald …

Šumava, Schaumwald, schau, setz dich, komm setz dich aus, den unverwerteten Formen, Borken, Systemen, rau macht dein Auge und dicht, ist dies eine Kralle, Kurbel, komplexe Gelenkstücke ahnst du, im Harzen dehnt sich dir was borkig Vernetztes, rundum ausgesetzte Namen, geölter Verfall, dass das Kind mit dem Wald sich vertauscht, schreie still, so im Hub und du wirst angesaugt, im zyklischen Gras tränkst du Mücken, die Mücken tränken die Spinnen, Wind schlägt Himbeeren auf, gläsern läufst du aus, in Bögen der sich nicht trauenden Augen, in Hochlagen, als ob dich – und weiter und wirst gestreckt übers Volumen hinaus.

Transfusion, Konfusion, diese Wanderwege lassen niemanden ruhig. Über erloschene Bauwerke ein Schlag, Himbeeren oder Strom? Von den Richtungen, Verrichtungen weißt du kaum – Schösslinge, Lauf um Lauf nicht mehr sehen zu können. Unabhängig sind hier Schrecken und Vögel, ein rollender Rauch, operative Fragen durch den erhobenen Ort. Zungen werden scharf. Wo ist der Lehrpfad, hier haben, hatten die Ahnen geholzt. Geschossen. Ein Kopf an der Wand. Wer hängte, wer hing am Wald? Signale, warm oder kalt, und geschnittene Steine. Wo Aussichten in das Land, von Bächlein durchwoben jetzt das Ent- das Entgelt sind.

Der rote Holler ist leer. Chléb chléb macht die Elster, ř – ein sirrender Käfer. Käse. Raschle so viel du willst, die Lippen nehmens nicht. Gerostete Zäpfchen, Zapfen stauen sich, staunen den See. Übers Wasser zu gehen, ist eine Mutprobe, auch für Jungfische ein Aus-der-Welt-sein-Wollen. Die Milchstraße stellt sich still. Stillt dich, während um Boote Zähnchen ziehen, Zähnchen an Flügeln reiben, Flügel an Langfühlerschrecken. Berge wachsen zur Stunde, hora, hora mit mehrfach besonderer Färbung. Voluminös. Zur Widmung wirst du geworfen, in einen vollständig nicht dem Geiste der Sprachen verpflichteten Rosenstock: rozumím, nerozumím.

 

(Karin Fellner)

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Tschechisch:

Šumava – Böhmerwald;

chléb – Brot, sýr – Käse, hora – Berg, rozumím– ich verstehe; nerozumím – ich verstehe nicht.

 

#Orlando

Lass uns wandern, ein Sprung durchs Feuer
vor dem nächsten Schnee, die Zukunft liegt
auf der anderen Seite, fortlaufende Schleife
aus Aufruhr und Wiedergeburt. Dort treffen
wir kleine Vögel inmitten Irisblüten, regen-

bogenfarben, und Staub,

gottlos, diese Stadt ohne Hass, eingebunden
in galaktische Federwolken, wo wir rätseln
über Artefakte, die uns unserer Menschlichkeit
beraubten, behauptend, dass irgendein Gott
auf ihrer Seite stand. Code □ m □ w als

Lebensmuster, ausgemustert

die Unbestimmten, Zeugnisse einer Zeit
der willkommenen schäbigen Gefühle. Hass®
als eingetragenes Warenzeichen. Was sahen
sie, die Beifall klatschten? Sportficken, Massen-
morde, Kriege, bestehend aus Unterwerfung,

Angst und Tod, der Rest war Bürokratie.

Wir waren wieder jung, vergaßen, dass die Welt
nicht so verliebt in uns war wie wir ineinander.
Wir träumten von Namensgebung. Vom Gebären
als menschlichem Akt. Von Angleichung der Stern-
bildgrenzen. Von Staub. Wir erwachen erneut

im andern Geschlecht.

Selbstvergeudung über Epochen, Sprünge
durchs Feuer. Geisterchor der Möglichkeiten,
zeitlos fremd. Eine Burlesque. Ein Ruhepunkt
im Regen. Ein 300jähriges Leben als innigster
Liebesbeweis. Wie wilde Vögel füttern.

Weiter tanzen.

 

Taufliege, du Modell-

 

Taufliege, du Modell-
Organismus im Glas!

Durchgriffig wirst du wie Organigramme, wirst
wachsen (*grō-a-) im Kopf der Reporter, voll
mystischem Hunger auf
die süße Furcht, ihren Saft.

Du Rauch von starcken Winden
kommst über Institute,
bildest Mosaike auf ihren Schädeln und
Intersexe, komplex-

äugig, überfällig,
sancta Drosophila.

 

(Karin Fellner)